Bike & Ski

Klimawandel und Verbesserungen der Ausrüstung haben einen Minitrend ausgelöst: Mountainbike- plus Skitour als nachhaltige Frühlingskombination. Denn auch, wenn die Täler (immer früher) schneefrei sind, warten an den Talschlüssen prächtige Firntouren. Was als Tagesunternehmung unter diesen Bedingungen klassisch kaum zu schaffen ist, wird mit leichten Skiern auf dem Rucksack und rollender Anfahrt zu einem einzigen Vergnügen.
Wie wäre es, wenn man nicht nur an andere Orte reisen könnte – sondern in eine andere Zeit? Ein bisschen fühlt es sich so an, als wir die erste Steilstufe im kleinsten Gang bewältigt haben, langsam in den Tritt kommen auf dem geschotterten Forstweg ins Karwendeltal.

Unten in Scharnitz hatte uns zwar noch der Morgenfrost im Griff, dennoch liegt eindeutig Frühling in der Luft. Zartes Grün an den Büschen, frisches Gras am Straßenrand. In der Nase eher Noten von Baumharz und Waldboden, von Karwendelkies und sonnenbeschienen Kalkwänden als der frische, aseptische Duft des Winters.
In der Höhe jedoch strahlen die Gipfel in einem Weiß, das aus der Vergangenheit zu kommen scheint. Helle Schneeflanken zeichnen sich gegen den Himmel ab, manche umspielt von Wolken. Und je mehr Strecke, je mehr Höhe wir auf den nächsten Kilometern machen, desto dichter werden die hellen Flecken im Wald, desto schärfer zeichnen sich in der Höhe die weiter stehenden Bäume vor einer immer noch durchgehenden Schneedecke ab.
So fühlt es sich tatsächlich an, als strampelten wir – vier Bergfreunde und eine Bergfreundin, die vom Winter noch nicht genug haben – zurück in die kalte Jahreszeit.
In die Berge rollen
Bekannt ist von Eltern- und Großelterngenerationen, konditionsstarken und leidenschaftlichen Münchner Skitouristen zum Beispiel, dass sie morgens mit dem Radl von München bis nach Mittenwald fuhren, um dort mit den Skiern ins Dammkar zu klettern, nach einer Brotzeit abzufahren und noch am gleichen Tag wieder nach München zu treten.
Auch von den Eigernordwand-Erstbesteigern weiß man, dass sie den weiten Weg in die Berner Alpen mit Fahrrädern zurücklegten.
Als Zubringer ist das Fahrrad zumindest für konditionsstarke Alpinisten also nichts neues.

Mit der Erfindung des Mountainbikes wurde es leichter, sich auf zwei Rädern dem Berg zu nähern. Die kleinen Gänge, die breiten Reifen, die Federung machen es möglich, auf dem Fahrrad tief in die Täler vorzudringen. Strecken in den Bergen schrumpfen zusammen. Lange Zustiege werden kürzer. Und mit dem elektronisch verstärkten Antrieb von E-Mountainbikes werden die mühsamen Anstiege zu einem Vergnügen, das Gerät demokratisiert die Bewältigung von Höhenmetern. Auch starke Sportler, Kletterer etwa, die an fernen Talschlüssen projektieren, können erfrischt und bis zum letzten Licht ihrem Tagwerk nachgehen.
Mit der Erfindung des Mountainbikes wurde es leichter, sich auf zwei Rädern dem Berg zu nähern. Die kleinen Gänge, die breiten Reifen, die Federung machen es möglich, auf dem Fahrrad tief in die Täler vorzudringen. Strecken in den Bergen schrumpfen zusammen. Lange Zustiege werden kürzer. Und mit dem elektronisch verstärkten Antrieb von E-Mountainbikes werden die mühsamen Anstiege zu einem Vergnügen, das Gerät demokratisiert die Bewältigung von Höhenmetern. Auch starke Sportler, Kletterer etwa, die an fernen Talschlüssen projektieren, können erfrischt und bis zum letzten Licht ihrem Tagwerk nachgehen.
Trotzdem gilt das Fahrrad immer noch als Fortbewegungsmittel für den Sommer. Die Verbesserung der Skitourenausrüstung vor allem auch hinsichtlich ihres Gewichtes führt nun dazu, dass sich ein Rucksack mitsamt Ski und Skischuhe, wenn man möchte, sogar mit Lawinen-Airbags, gut schultern und auf dem Fahrrad transportieren lässt. Zusammen mit der klimatischen Veränderung unserer Winter ergeben sich so immer früher in der Skitourensaison Möglichkeiten für kombinierte Touren, die einen ganz besonderen Reiz haben.

Der perfekte Moment
Was für ein Glück. Oder muss man sagen: Was für ein Timing? Als es laut Beschreibung und Karte langsam so weit sein müsste, dass der Karrenweg nach einer Wildfütterung hinunter zum Karwendelbach führen sollte, werden die parallelen Spuren in der Schneedecke immer schmaler. In einem Waldstück verschwinden sie. Aus dem Rollen, wird ein Knirschen, noch ein paar Meter, dann ist klar: Das war es, nichts geht mehr mit den Rädern.

Aus der Erleichterung wird eine Last – plötzlich kommt zum Gewicht auf dem Rücken ein bockiger Drahtesel hinzu, den wir durch die noch angefrorene Schneedecke schieben. Doch ein paar hundert Meter weiter sieht man tatsächlich die Futterschütte und einen schmaleren, komplett verschneiten Weg, der nach rechts abzweigt. Ab hier, so der Plan, würden wir von den Sommergeräten auf die Wintergeräte wechseln, um durch eine steile Waldstufe ins Neunerkar zu wechseln und die verbleibenden 1.400 Höhenmeter auf den Skiern aufzusteigen. Und genau hier tun wir das auch: Räder zusammengesperrt. Felle aufgezogen. Schuh gewechselt. Ski unter die Füße. Läuft. Im Wortsinn.
Touren in den neuen Winter
Der Klimawandel führt dazu, dass die durchschnittliche Schneefallgrenze steigt. Dass die tiefen Tallagen überhaupt eine geschlossene Schneedecke aufweisen, wird unwahrscheinlicher. In jedem Fall apern sie – statistisch gesehen – früher im Jahr aus. Man kann das beklagen. Gleichzeitig eröffnen sich Möglichkeiten, die es früher in dieser Kombination gar nicht gab. Oder mindestens bleiben Touren möglich, die als reine Skitouren eben unwahrscheinlicher werden.
Einer der Klassiker der Bike & Ski-Kombination zeigt deutlich, dass die neue Situation auch Chancen bietet: Das Hochglück, nur eine Karwendelkette weiter nördlich von unserem Ausflug. Lange schon vermerken Skitouristen das Wochenende in ihren Kalendern, an dem die Straße in die Eng für den Autoverkehr öffnet: In dem Moment ist es nämlich vorbei mit der winterlichen Ruhe im langen Rißtal. Ist die Straße, die von Hinterriß in die Eng führt, aber noch gesperrt, gleichzeitig aber schon schneefrei, lassen sich die Kilometer von der Schranke weg manchmal sogar bis in den Ahornboden recht entspannt mit dem Fahrrad zurücklegen. Und wenn die Straße jetzt, wegen der mindestens in den Tälern schneeärmeren, tendenziell wärmeren Wintern, ein oder zwei Wochenenden früher schneefrei wird, gibt es mehr Hochglück-Wochenenden – bei sogar potenziell besseren Schneebedingungen, weil der Frühling weiter oben die Schneedecke noch nicht so stark beschädigt hat.
Noch mehr gilt das für andere Täler, die grundsätzlich nicht für den Straßenverkehr geöffnet sind. Das lange Tal von Scharnitz in Richtung Isarursprung etwa, an dessen Ende einige einsame Firntouren warten. Oder eben auch unsere Tour auf die große Seekarspitze durchs Karwendeltal: Hier lassen sich im Frühling auf trockenem Bergweg lange Distanzen zügig gewinnen und eröffnen so Tagestouren auf hohe Karwendelgipfel, die als reine Skitour auch in schneereichen Wintern für viele Tourengänger schlicht zu mühsam wären.

Ein weiterer, angenehmer Nebeneffekt der gemischten Fortbewegungsweise: Der oft anstrengende Aufstieg auf Skiern durch den Wald verkürzt sich, bei dem man sich so leicht zwischen Wurzeln verheddert oder die Schneelage zwischen den dichten Bäumen für eine saubere Aufstiegsspur kaum reicht. Doch von unserem höheren Startpunkt an ist sie ausreichend, wir finden unsere Linie, Verbindungen zwischen den größeren weißen Flächen, bis die Bäume ausdünnen, dann kleiner werden und wir uns über gleißendes Weiß durchs Neunerkar nach oben arbeiten, Schritt für Schritt, in winterlicher Karawane.
Gerne nimmt man die Spurarbeit in Kauf, wenn man dafür so ein Erlebnis, so eine Einsamkeit, so eine Tour ganz für sich allein bekommt. Und frischen Schnee hat es hier oben auch. Wir sind gespannt auf die Abfahrt. Die doch schon kräftige Vormittagssonne strahlt auf die Ostflanken, über einem Felsabbruch, in sicherer Entfernung, löst sich Lockerschnee und rieselt in einer Kaskade hinab. Naturzauber. Schneespektakel.
Das Beste aus beiden Welten
Der späten Wintersaison im Gebirge wohnt ein besonderer Zauber inne. Für manchen Berg- und Naturliebhaber ist es gar die schönste Zeit im Jahr. Anders als die Winterhasser, die von November bis mindestens Ende Februar den öffentlichen Befindlichkeitsdiskurs mit ihrem Gejammer und Gegreine prägen, liebt der Bergfreund den Bergwinter. Er freut sich also über jeden Tag, den er noch in der vom nivellierenden, wilden Weiß der Schneedecke verzauberten Bergwelt verbringen darf. Und doch will auch er sich nicht der Aufbruchsstimmung verschließen, die der Frühling mit sich bringt, das erwachende Leben, die Bäche befreit, wie im Gedicht.
Und an diesen – immer längeren! – Tagen bietet sich eben tatsächlich die Möglichkeit, den Lauf der Jahreszeiten quasi synchron zu erleben. Am Morgen im Tal grüßt bereits von fern der Sommer. Und oben in den Gipfelregionen mag noch eisig der Wind pfeifen. Eventuell hat man das Glück, noch Pulverschneebedingungen vorzufinden, wie im besten Januar.

Als wir den höchsten Punkt der Großen Seekarspitze mit den letzten engagierten Spitzkehren erreichen, klebt noch Schnee am Kreuz wie ein verwehter Bart, vom Wind streng nach Lee gekämmt und in der Kälte der Höhe erstarrt. Von 2.677 Metern aus haben wir einen überwältigenden Blick über den Naturpark Karwendel mit seinen einsamen winterlichen Ketten und tiefen Frühlingstälern. Was für ein Geschenk, hier Ende April das Beste aus allen Welten in voller Pracht präsentiert zu bekommen. Abschied und Willkommen. Wir liegen uns in den Armen. Jubeln.


Der Gipfelhang zischt noch pulvrig. Schnelle, weite Schwünge hinab in Richtung Tal, bevor der Schnee dichter wird und einen tragenden Deckel erhält, angetaut am Vortag, gefroren in der Nacht. Noch hält er und wir gleiten mühelos bis zu den Bäumen. Arbeiten uns durch den Sulzschnee im Wald, der bereits über Mittag faul geworden ist. Finden zum glucksenden Bach, der im frühen Nachmittagslicht, in der knallenden Frühlingssonne plötzlich sommerlich daherkommt.
Man muss da jetzt durch, barfuß. Man kann auch ein Bad nehmen, dem Sommer zuwinken. Eine eiskalte Erfrischung, bevor es hinab geht ins Tal. In rauschender Fahrt. Zurück in die Zukunft.